Radtour Berlin-Kopenhagen – 10. Tag: Krakow am See nach Güstrow -17. Juni 2025

By 19. Juni 2026Aktuelles

Tagesstrecke. 29,3 Km

Heute ein Tag mit Ernst Barlach. Nach einem guten Frühstück im Nordischen Hof, machten wir uns gegen 9:30 Uhr auf den Weg in das lediglich knapp 30 Kilometer entfernte Güstrow. Das Wetter hat sich weiter gebessert. Der Wind lässt nach, die Temperaturen steigen und auch der Weg war angenehm zu fahren. Überwiegend ging es auf asphaltierten Straßen und Wegen Richtung Güstrow. Vor Güstrow machten wir nur in dem kleinen Dorf Bellin einen Stopp, das, obwohl schon etwa 15 Kilometer von Krakow entfernt, noch ein Ortsteil der Stadt ist. Hier gibt es ein neobarockes Schloss mit einer interessanten Geschichte. Heute wird es als Hotel genutzt. Ich versuchte mir ein näheres Bild zu machen, Jana machte derweil Rast im Zentrum des Dorfes, und fuhr über die recht holprige mit altem Kopfsteinpflaster belegte Straße zum Schloss. Leider konnte ich nicht nahe an das Schloss heran und auch nicht drumherum, weil mich eine Mitarbeiterin, die mir auf einem Moped entgegenkam, unmissverständlich darauf hinwies, dass dies Privatgelände sei und der Zutritt verboten sei. Innerlich fragte ich mich wie dann die Hotelgäste in das Hotel kämen. Wahrscheinlich machte ich für das Hotel keinen adäquaten Eindruck. Nach kurzem Disput erlaubte sie mir aber, einige Fotos aus der Ferne zu machen, weil die Chefin gerade nicht da sei.

Als wir dann weiterfuhren sahen wir, immer noch in Bellin, eine gewaltige Kirche, die doch für einen Ortsteil mit etwa 200 Einwohnern sehr eindrucksvoll auf einer Anhöhe über dem Dorf aufragte. Es handelt sich um eine spätromanische Feldsteinkirche aus der Zeit um 1230. Leider konnten wir nicht hinein. Die Kirche soll Wand- und Gewölbemalereien aus dem 13.-15. Jhdt. zeigen die 1985 restauriert wurden. Wir hätten zwar eine Telefonnummer anrufen können, aber da wir ja andere Ziele in Güstrow ins Auge gefasst hatten, nahmen wir davon erst einmal Abstand.

Güstrow ist ja vielen schon durch den „Schwebenden Engel“ oder säkularer ausgedrückt den „Schwebenden“ im Dom der Stadt bekannt. Aber Ernst Barlach (1870-1938) lebte seit 1910 bis zu seinem Tode 1938 in Güstrow. Hier ließ er sich dann 1930 ein Atelierhaus bauen, in dem er die letzten Jahre seines Lebens gewirkt hat. Dieses ist heute als Gedenkstätte kurz vor Güstrow am Inselsee, die an Leben und Werk Barlachs erinnert und auch gleichzeitig ein sehr schöner Ausstellungsraum mit Holskulpturen, Plastiken und Werkmodellen Ernst Barlachs. Dies ist umso erfreulicher als durch diese oft als Entwürfe vorhandenen Ausstellungstücke viele Werke, die von den Nazis zerstört wurden oder sonst wie verschwunden sind, noch einmal sichtbar werden. Das gilt insbesondere für zahlreiche Gedenk- und Ehrenskulpturen, die Barlach nach dem Ersten Weltkrieg im Auftrag zahlreicher Städte erstellte. Wir bleiben etwa 1 1/2 Stunden in dem Museum und da es nicht so überfrachtet ist, wie andere Museen, ist der Besuch sehr lohnend und man hat am Ende auch einen bleibenden Eindruck von dem Gesehenen.

Nach diesem Besuch fahren wir nun nach Güstrow hinein und checken erst einmal im Hotel am Schlosspark gegenüber dem Güstrower Schloss ein. Ein Residenzschloss, das dafür, dass das Herzogtum Mecklenburg-Güstrow lediglich von 1621bis 1695 bestand, schon sehr gewaltig hervorsticht. Leider oder Gottseidank  wird es schon seit mehreren Jahren restauriert, so dass man es von innen nicht besichtigen kann und auch von außen die Ansicht der aufwändigen Fassade durch Baumaschinen und Baucontainer erheblich beeinträchtigt wird. In den Ausmaßen und auch in der Renaissance Architektur erinnert das Schloss sehr stark an das Schweriner Schloss. Beide stammen aus dem 16. Jhdt.

Nachdem wir eingecheckt und uns eingerichtet hatten, ging es zu Fuß weiter und unser nächstes Ziel war der Dom, ein typisches Bauwerk der Backsteingotik, mit dessen Bau bereits im 13. Jhdt. begonnen wurde. Hier ist natürlich das heute berühmteste Kunstwerk „Der Schwebende“ von Ernst Barlach aus dem Jahre 1927. Auch er ist nicht mehr das Original, weil dieses ebenfalls von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Man konnte es aber nach 1945 erneut gießen, weil die Gussformen offensichtlich noch vorhanden waren. So gibt es von dieser Bronze-Skulptur noch drei Nachgüsse. Etwas stolz bin ich auf die Fotos, die mir dazu gelungen sind, aber das beurteile natürlich jeder selbst. Auch im übrigen ist der Güstrower Dom ein Kunstwerk von hohem Rang, von dem die Fotos hoffentlich einen kleinen Eindruck geben.

Nach dem Besuch des Doms nehmen wir uns die Zeit und essen auf dem Markt in einem Fisch-Imbiss eine Soljanka, weil, wir seid dem Frühstück nichts mehr gegessen haben. Dan geht es zur letzten Barlachstation, der Gertrudenkapelle. Die Kapelle, die wohl aus dem 14. Jhdt. stammt hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Hier sollen nur auf die beiden letzten Nutzungen eingegangen werden. So wurde die Kapelle 1937 in eine sogenannte nationalsozialistische Ahnenhalle umgewidmet, die in der NS-Ideologie der „öffentlichen Bewahrung der im rassischen Sinn hochstilisierten Familiengeschichte dienen“ sollte. In diesem Zusammenhang wurde die Kapelle aufwendig restauriert.

Als die Ahnenhalle nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wieder leer stand, beschloss der Güstrower Stadtrat 1949 in ihr eine Ernst-Barlach-Gedenk- und Ausstellungsstätte einzurichten. Treibende Kraft bei dem Gedenkstätten-Projekt war Barlachs ehemalige Lebensgefährtin Marga Böhmer, die später im zur Wohnung ausgebauten Dachgeschoss der Kapelle ihr zu Hause fand und dort auch 1969 verstarb. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Episode der Kapelle sicher auch eine späte Genugtuung für Ernst Barlach und natürlich auch seine Nachlassverwalterin Marga Böhmer.

Mir selbst hat die Ausstellung im Atelierhaus besser gefallen, aber sie ist auch neueren Datums. Aber auch in der Gertrudenkapelle findet man noch eine Reihe von besonderen Skulpturen oder deren Entwürfen von Ernst Barlach. Vor dem Hintergrund der jüngeren Vergangenheit der Gertrudenkapelle ist ihre Geschichte natürlich viel eindrucksvoller und schon fast ein Stück Ironie der Geschichte.

Damit endet unsere Begegnung mit Ernst Barlach am heutigen Tage und damit will ich auch meinen Bericht für heute beenden.

 

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