Heute also Zwickau. Wir hatten uns vier Stationen vorgenommen: Das August Horch Museum, den Dom, die Priesterhäuser und das Geburtshaus von Robert Schumann. Zunächst wanderten wir die zwei Kilometer von unserem Hotel bis zum August Horch Museum. August Horch (1868-1951) war ein Maschinenbauingenieur und Gründer der Automobilbauunternehmen Horch und Audi. Mit diesen Gründungen hat er sich bald einen bekannten Namen gemacht. Da er aber selbst über wenig Kapital verfügte gründete er zunächst 1904 die A. Horch & Cie. Motorwagenwerke Actiengesellschaft. Wegen fehlender Erfolge bei Automobilwettbewerben kam es nach 1907 zu zunehmenden Meinungsverschiedenheiten mit dem Aufsichtsrat. Horch verließ daraufhin Anfang 1909 das Unternehmen, denn er hatte aufgrund seiner geringen Kapitalbeteiligung keine Entscheidungsmacht.

Mit seinen befreundeten Investoren Paul Fikentscher und dessen Neffen Franz gründete er in Sichtweite der Zwickauer Horch-Werke ein zweites Unternehmen, die August Horch Automobilwerke GmbH. Daraufhin kam es mit seinem vormaligen Unternehmen wegen des Markennamens Horch zum Rechtsstreit, den August Horch in letzter Instanz vor dem Reichsgericht in Leipzig verlor. Interessant ist daran, wie es dann zu dem Namen Audi kam. Der Sohn von Paul Fikentscher erfand als Konsequenz aus dem Rechtsstreit den Markennamen „Audi“, indem er damit den Namen Horch ins Lateinische übersetzte. Der Imperativ „horch!“ (audi = höre! = horch!) wurde so zu audi. Am 25. April 1910 wurde das Unternehmen in Audi Automobilwerke GmbH umbenannt.1915 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und ging als Audiwerke AG Zwickau an die Börse. Nach Gründung der Aktiengesellschaft hatte Horch nur noch wenig Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen, sodass er auch hier wieder aktive Geschäft verließ und ab 1920 bis 1933 als Kraftfahrzeug-Sachverständiger für Kraftfahrzeuge aller Art in Berlin arbeite. Die Geschichte ist für mich deshalb interessant, weil sie zeigt, dass Horch während seines über 80 jährigen Lebens nur 20 Jahre im Autobau aktiv gearbeitet hat. Dennoch war er danach hoch anerkannt und wurde dann 1933 auch Aufsichtsratsmitglied neu gegründeten Unternehmens Auto Union AG mit Sitz in Chemnitz, einem Zusammenschluss der Automobilhersteller DKW, Horch, Audi und Wanderer.

Sicher gäbe es zu August Horch noch viel zu erzählen. Das würde aber hier das Tagebuch sicher sprengen. Wir wandeln deshalb durch das Museum und da ich vor sechs Jahren auf meiner Tour der Route der sächsischen Industriekultur, schon einmal hier war, wusste ich was auf mich zukommt. Das Museum ist, wenn man sich für Autos interessiert, ein wahres Eldorado der frühen Entwicklung der Autoindustrie und deren Produkte. Jana war entsprechend begeistert, während ich ja ein eher sachliches Verhältnis zu Autos habe. Allerdings muss ich zugeben, dass ein Gang durch dieses Museum schon beeindruckend ist. Auf der 6.500 m² großen Ausstellungsfläche werden ca. 160 Autos in Originalgröße und eine Vielzahl von Kleinexponaten zur Geschichte des Automobilbaus in Zwickau präsentiert. Wenn man an der Geschichte wirklich interessiert ist, kann man sich hier sicher mehrere Tage aufhalten.

Für mich war übrigens interessant wie sich das Tanken entwickelt hat, was ja heute auch beim Laden von Elektroautos immer noch eine Herausforderung ist. So gab es ursprünglich kleine Selbständige, die sich mit Benzinkanistern, die wohl in Drogerien erhältlich waren, an den Straßenrand stellten und das Benzin dort verkauften. Dann nahmen sich die Drogerien dieses Geschäfts und es wurden erste Zapfsäulen errichtet. Später dann übernahmen dann die Ölkonzerne das Geschäft, indem sie ein immer dichteres Netz an Tankstellen errichteten. Wäre doch sicher ein gutes Geschäft für unsere heutigen Elektrokonzerne.

Wir hatten uns für das Museum zwei Stunden vorgenommen und so wanderten wir um die Mittagszeit zurück in die Stadt und pausierten erst einmal in den Zwickau Arcaden bei Nordsee und gönnten uns einen Mittagsimbiss. Jana stürzte sich auf Matjefilets mit Bratkartoffeln und ich auf Seelachsfilet mit überbackenen Champignons und ebenfalls Bratkartoffeln. Das tat erst einmal gut.

Wir gehen dann die wenigen Meter zum Dom. Wir wollen ein Kombiticket für Dom und die Priesterhäuser. Gibt es aber angeblich noch nicht, obwohl es auf den Plakaten vor dem Dom extra ausgewiesen ist. Einen Audioguide, den ich auf mein Handy laden kann und der mir den Rundgang erleichtern würde, gibt es auch noch nicht. Also zahlen wir unseren Obolus, lassen uns eine Beschreibung des Doms in die Hand drücken und machen uns auf den Weg. Ungewöhnlich finde ich schon die Bezeichnung Dom St. Marien. Der Dom ist seit der Reformation protestantisch und da ist der Name St. Marien eigentlich unpassend, weil die Protestanten keine Heiligen kennen und Jesus Christus der einzige Vermittler zwischen Gott und den Menschen ist. In der evangelischen Kirche ist Maria die Mutter Jesus, aber man betet nicht zu ihr wie in der katholischen Kirche. Auch war der Zwickauer Dom nie ein Bischofssitz und daher passt auch die Bezeichnung Dom eigentlich nicht.

Für mich sind die herausragendsten Objekte des Doms der Altar, die Kanzel und das Taufbecken. Der spätgotische Altar aus dem Jahr 1479 stammt aus einer Nürnberger Werkstatt. Es ist ein sechsflügliger sogenannter Wandelaltar. Durch Auf- und Zuklappen der Flügel sind verschiedene Ansichten möglich. In der Normalansicht sieht man Maria mit mehreren Märtyrerinnen. Auch hier sieht man, dass es ein Altar ist, der eigentlich in eine evangelische Kirche passt. Des weiteren gibt es einen Weihnachts- und einen Passionszyklus, die zu den entsprechenden Festtagen aufgeklappt werden. Die Kanzel und das Taufstein aus dem Jahre 1538 stammen wohl von dem erzgebirgischen Baumeister Carl Speck.

Spannend ist noch die Außengestaltung der gotischen Kirche. Auf halber Höhe finden sich Skulpturen, die wegen der Helligkeit des Gesteins vor wohl nicht allzu langer Zeit restauriert worden sind. Auf der südlichen Seite sind es insbesondere die Apostel, währen auf der nördlichen Seite die wesentlichen Repräsentanten der Reformation dargestellt sind. Darunter natürlich Luther, aber auch Melanchthon und Bugenhagen und etwas darunter sogar Katharina Von Bora, die Lutherin, mit einem Kind auf dem Arm. Ferner sieht man im Außenbereich des Chores drei der sächsischen Kurfürsten, die die Reformation gefördert haben. Schließlich findet man dort aber auch Albrecht Dürer und Lucas Cranach.

Als nächstes besuchen wir die Priesterhäuser direkt gegenüber dem Dom. Leider ist das Ensemble der Priesterhäuser etwas schwierig zu durchschauen. Wir wollten eigentlich erfahren wie die Priesterhäuser früher eingerichtet waren, hatten aber übersehen, dass sie mit einem von der Domseite kaum sichtbaren großen Neubau ergänzt worden sind und sich Museum für Stadt- und Kulturgeschichte nennen. Hier findet man dann umfassend viele Informationen zu einzelnen Themenbereichen. In den Priesterhäusern selbst wird das alltägliche Leben der Menschen im Mittelalter dargestellt. Man kann ein Küche sehen, ein Schlafzimmer und einen Wohnraum. Der Rundgang ist aber nicht sehr systematisch, so dass man immer wieder im Neubau landet, wo es ein großes Stadtmodell mit einem dazugehörigen erläuternden Film gibt, wo man über das Schützenwesen, die Stadtverteidigung, das angeblich traditionsreiche Zwickauer Porzellan aber auch über den Zwickauer Steinkohlebergbau mit seinen weit über hundert Opfern bei zwei Grubenunglücken. Das letzte dieser Grubenunglücke war 1960 und forderte über 120 Menschenleben.

Der industrielle Steinkohlebergbau begann erst im 19. Jahrhundert und endete 1978. Das verbliebene Stollensystem, was teilweise direkt unter der Stadt verlief, hat dazu geführt, dass sich die Stadt um etwa 3,50 m bis unter das Muldenniveau absenkte und diese bedrohliche Entwicklung nur dadurch aufgehalten werden konnte, dass die Stollen geflutet wurden.

Nach dem Besuch der Priesterhäuser gehen wir noch zu unserem letzten Ziel für heute, dem Geburtshaus von Robert Schumann. Das Haus ist eher unscheinbar, wurde aber in den 1950er Jahren angeblich äußerlich authentisch restauriert. Es soll das erste Museum in der DDR gewesen sein, das nach dem Krieg wieder hergestellt wurde. Jana als leidenschaftliche Konsumentin klassischer Musik legte großen Wert auf den Besuch und so hatten wir auch noch genügend Zeit, uns in dem Haus umzusehen. Lustigerweise wurden wir erst mal gefragt, ob wir eine Kombikarte hätten, was wir unter Hinweis auf die Ausführungen der Damen im Dom verneinen mussten. Die Dame hier schüttelte den Kopf und gab uns dann dennoch einen ermäßigten Preis. Es gab sogar eine QR-Codes, den man herunterscannen konnte und ich damit ein für meine Hörgeräte tauglichen Audioguide bekam. Leider war die Beschreibung angesichts der Fülle der Exponate viel zu schnell. Ich kam zumindest meist nicht hinterher, die beschriebenen Exponate überhaupt zu finden. So handelt es sich auch eher um ein klassisches deutsches Museum mit viel Dokumentation aber wenig erzählter Geschichte wie es im angelsächsischen Raum viel anschaulicher gemacht wird.

Der Weg durch das Schumann Haus führt durch die ehemalige Wohnung mit sieben Zimmern. In zahlreichen Vitrinen liegen hier sicher Hunderte Dokumente, die bei intensiver Beschäftigung einen guten Überblick über das Leben von Robert und Clara Schumann geben. Allerdings ist das auch hier für einen einfachen Museumsbesucher einfach zu viel des Guten.

Am Abend fanden wir wieder ein vietnamesisches Restaurant und da Jana kaum an einem vietnamesischen Restaurant vorbeigehen kann, kehrten wir hier ein. Auch ich muss inzwischen sagen, dass ich der vietnamesischen Küche einiges abgewinnen kann, weil sie auch für mich sehr bekömmlich ist.

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