Radtour Berlin-Kopenhagen – 6. Tag: Fürstenberg/Havel nach Neustrelitz- 13. Juni 2025

By 15. Juni 2026Aktuelles

Tagesstrecke. 48,6 Km

Nach dem Frühstück geht es für uns nicht gleich weiter, sondern wir fahren auf Wunsch von Jana zu dem ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück, das als das größte Konzentrationslager  für Frauen im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches galt. Es wurde 1938/39 durch Zwangsarbeiter des KZ Sachsenhausen (Oranienburg) errichtet, aber auch die ersten weiblichen Häftlinge wurden zum Aufbau des KZ Ravensbrück gezwungen.

Zu sehen ist hier von dem Lebensbedingungen im KZ wenig, weil es ab 1945 bis 1993 als Kaserne für die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland genutzt wurde. So sind insbesondere die Kommandantur, die Führungshäuser der SS-Führer im KZ und die Häuser für die Aufseherinnen erhalten. Von den Baracken der Gefangenen ist nur noch der große Platz sichtbar, auf dem sie standen. Durch schwarzen Schotter sind die Grundrisse der Häftlingsbaracken angedeutet. Trotz der über Jahrzehnte durch die Nutzung der Sowjetarmee vorgenommenen Änderungen wurde 1959 die erste Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück errichtet. Das Denkmal die „Tragende“ von Will Lammert, das auf einem hohen Steinsockel am Ufer des Schwedtsees errichtet wurde, ist weithin sichtbar, aber auch sehr umstritten. Es zeigt eine Frauenfigur, die eine zusammengesunkene Frau in ihren Armen trägt. Die Kritik ehemaliger Häftlinge, richtete sich dagegen, dass die Skulptur den Aspekt der Solidarität in den Vordergrund stelle, nicht jedoch den täglichen Überlebenskampf und die Tatsache, dass auch Kinder im Lager lebten.

Wir schauen uns insbesondere die Ausstellungen in den Räumen der Kommandantur und in einem der noch erhaltenen Führerhäuser, in denen versucht wurde, das Leben und Leiden der Frauen in der Haft durch Schrift und Fotos darzustellen und zu beschreiben. Überwiegend mussten die Häftlinge Zwangsarbeit für verschiedene Unternehmen, aber auch für einen SS-Betrieb, der sich „Gesellschaft für Textil und Lederverwertung“ nannte und die einen Industriehof mit Produktionsstätten für sogenannte „frauentypische“ Arbeiten im Lager errichtete. Sowohl ich als auch Jana gingen mit einem ziemlich bedrückten Gefühl durch die Ausstellungen, weil man in zwei Stunden das ganze Elend der dort dokumentierten Schicksale nur schwer verkraften und irgendwann auch nicht mehr alles aufnehmen kann. So bleiben zum Ende vor allem die nackten Zahlen als Befund aber auch als Menetekel im Gedächtnis: Von den insgesamt etwa 130 Tsd. inhaftierten Frauen und 20 Tsd. Männern starben nach Schätzungen rund 28 Tsd. aufgrund von Hunger, Erschöpfung, medizinischer Experiment, Erschießungen oder wurden in den letzten Monaten vor der Befreiung in einer noch 1945 errichteten Gaskammer ermordet.

Es ist kurz nach 12 Uhr als wir die Gedenkstätte verlassen. Vor uns liegen etwa 45 Kilometer bis nach Neustrelitz. Trotz der kürzeren Strecke empfanden wir heute die Strecke anstrengender als die gestrige fast doppelte so lange Etappe. Das Profil der Landschaft hatte sich deutlich verändert. Nach der weitgehend flachen Strecke gestern durch das mittlere Havelland ging es heute gefühlt immer bergauf und bergab. Eine Veränderung, die für das obere Havelland typisch ist und vor allem auf die Moränen der Eiszeiten zurückzuführen ist. Nicht umsonst spricht man hier von den Havelbergen, was freilich etwas übertrieben ist..

Leider war auch das Wetter nicht mehr zuverlässig. Erwartungsgemäß kam ab 14 Uhr der Regen und wir konnten uns gerade noch in einem Torbogen in Seewalde unterstellen. Als wir nach einer halben Stunde weiterfahren konnten, kamen wir zumindest die nächsten 10 Kilometer wieder getrocknet nach Wesenberg. Dann begann der Regen erneut, nicht mehr so stark aber dafür dauerhaft. Die letzten fünf Kilometer nach Neustrelitz wurde es wieder schöner und so kamen wir einigermaßen trocken in Neustrelitz an. Unweit des Marktplatzes hatten wir ein hübsches Maisonett-Zimmer im Hinterhaus der Luisenstube, einem ziemlich kleinem Bauensemble aus den 1850er Jahren, bei dem man schon im Gastraum erkennen konnte, dass der Name an die preußische Königin Luise erinnert, die als Prinzessin des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz geboren wurde.

Nachdem wir ausgepackt hatten, setzten wir uns erst einmal in den Biergarten und ließen uns das dem Namen entsprechende Getränk servieren. Der Wirt war sehr leutselig, hatte aber wenig Zeit, huschte zwischen den Tischen hin und her, servierte und musste gleichzeitig noch sein Auto ausladen, dass er mit neuen und größeren Lebensmittevorräten beladen hatte. Nach dem heute mal typisch deutschen Abendessen mit Schnitzel und Spargel für Jana und Schnitzel Hamburger Art mit Bratkartoffeln für mich, machte Jana noch einen kurzen Spaziergang zum Hafen und zum Marktplatz, während ich mich auf unserem Zimmer einrichtete und mich auf den Schlaf freute

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