Heute fürs erste mein letzter Tag in Russland. 18 Tage war ich nun in diesem so spannenden aber auch ambivalenten Land. Ich würde es gerne noch besser kennenlernen und in meinem Kopf entwickeln sich schon die nächsten Pläne und Touren. Fahrradfahren ist auf jeden Fall in Russland kein großes Problem mehr, nachdem die Straßen zunehmend in einem ordentlichen Zustand sind und viele Fernstraßen auch einen breiten Seitenstreifen haben, den man getrost als Radweg nutzen kann. Aufpassen muss man natürlich trotzdem. Aber das gilt ja nicht nur in Russland.

Das Frühstück heute Morgen in meinem KGB-Motel ist recht bescheiden. Porridge, drei kleine Scheiben Brot, eine Scheibe der russischen Fleischwurst und eine Scheibe des russischen Käses. Dazu ein Teebeutel und heißes Wasser. Als ich mich noch einmal genauer erkundige, ob es nicht doch irgendwo Kaffee gibt, teilen mir andere Morgengäste mit, dass sie ihren eigenen Kaffee mitbringen und bieten mir freundlicherweise zwei Löffel löslichen Kaffee an. Sonst wäre ich heute auch sicher schlecht gelaunt gewesen. Aber ich kann mich über das Frühstück nicht beschweren. KGB-Ede hat offensichtlich seine Freude an mir und macht mir einen Sonderpreis für „deutschen Biker“. Das Frühstück wird nicht berechnet und den Zimmerpreis lässt er auch noch etwas nach.

Nach dem Frühstück komme ich dann zügig los. Heute geht es vorrangig über größere Straßen, obwohl mir komoot auch streckenweise wieder einige und sogar günstige Alternativen unterschiebt. Zunächst geht es eine Art Bundesstraße, die A 180 nach Süden auf die E 20, also die Europastraße, die hier von Tallinn nach Sankt Petersburg führt. Sie ist natürlich sehr befahren, insbesondere auch von LKW. Aber sie ist inzwischen auch über weite Teile gut befahrbar für Radfahrer, weil sie einen über ein Meter breiten asphaltierten Seitenstreifen hat. 20 Kilometer vor Ivangorod führt mich das Navi dann unter Anleitung von Komoot auf eine alte Strecke dieser Straße, die nur wenige Meter neben der neuen liegt. Sie wächst zwar langsam zu, hat sich aber zu einer wunderbaren Radstrecke entwickelt.

Wegen Rückenwind und guten Straßenverhältnissen komme ich heute wirklich gut voran. Kurz nach zwei Uhr bin ich schon an meiner Unterkunft in Ivangorod, die sich Gasthaus nennt aber eigentlich wohl eher eine Pension ist. Eine öffentliche Gaststube hat sie auf jeden Fall nicht. Ich werde von einem jungen Mädchen mit drei noch jüngeren Katzen begrüßt. Sie redet intensiv auf mich ein und kann offensichtlich gar nicht verstehen, dass ich kein russisch verstehe. Ihre Welt scheint noch etwas klein zu sein. Nach und nach klappt es aber mit der Verständigung. Schließlich hat sie meinen Pass, ich meinen Schlüssel und sie wiederum das Geld für die Unterkunft bekommen. Das Zimmer ist zwar recht klein aber sonst in Ordnung. Bett, Kleiderschrank, kleine Fernsehbank und Nachtschränkchen. Ein eigenes, ebenfalls recht kleines Bad habe ich auch. Beim Waschbecken muss man etwas Zielen üben, um das gebrauchte Wasser wieder hineinzubekommen.

Da ich so früh angekommen bin, klappt auch noch mein Vorhaben, mir die Festung von Ivangorod anzuschauen. Da ich auf google maps gesehen habe, dass sie nur 800 Meter entfernt ist, mache ich mich zu Fuß auf den Weg. Die Festung Ivangorod liegt auf der rechten Seite der Narva. Ihr direkt gegenüber auf der rechten Seite steht die Hermannsfeste in der Stadt Narva, eine ehemalige Burg des Deutschen Ordens. Dazwischen bildet die Narva die Grenze zwischen Russland und Estland aber damit auch zwischen Russland und der EU. Die Festung Ivangorod wurde von Iwan III. 1492 noch aus Holz errichtet. Die Festung sollte Iwans Anspruch auf Zugang zu Ostsee bekräftigen und zugleich ein Bollwerk gegen den das Baltikum beherrschenden Deutschen Orden bilden. Die Anlagen wurden in den nächsten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten immer mehr befestigt und erweitert.

Eigentlich ist der Blick auf beide Festungen sehr imposant. Vor fünf Jahren habe ich ihn mir nicht entgehen lassen und vielleicht werde ich auch morgen noch einen Abstecher zu der neu errichteten Aussichtsplattform machen. Heute wollte ich aber mal einen Blick auf und in die Festung hier in Ivangorod werfen. Als ich zum Parkplatz vor der Festung kam, stand kein einziges Auto da und ich ahnte schon Schlimmes, nämlich dass heute am Dienstag geschlossen ist. So bestätigte es mir dann auch google. Ziemlich frustriert ging ich dennoch weiter und auch zum Tor der Festung hinauf und zu meiner eigenen Überraschung war sie nun doch geöffnet. Nur das Museum war geschlossen, wie mir die Ticketverkäuferin auf russisch erklären wollte. So hatte ich die Festung ganz für mich allein und bin etwa eine Stunde darin herumgewandert. Besonders auffallend sind die beiden Kirchen Uspenskaya und Nikolkaya innerhalb der Festung. Genaueres über ihre Bedeutung konnte ich bisher aber noch nicht in Erfahrung bringen. Einmalig ist aber auch der Blick auf die gegenüberliegende Hermannsfeste und den Grenzübergang über die Narva.

Nach einer Stunde verspürte ich dann ziemlichen Hunger und Durst. Ich wanderte also in die Stadt und ging in ein Café, wohlwissend, dass das in Russland wenig mit Kaffee und Kuchen zu tun hat. Ich wurde auch bald auf der Speisekarte fündig und deutete gegenüber der freundlichen jungen Russin auf eine Pizza, die abgebildet war. Darauf sprudelte sie einen Wortschwall auf Russisch in meine Richtung, der zwar freundlich klang aber von mir nicht verstanden wurde. Anders als meine kleine Vermieterin hier in der Pension wusste sie sich aber gegenüber meinen Defiziten zu helfen und schrieb mir in der Google-Übersetzungs-App auf ihrem iPad, dass sie Pizza erst ab 17 Uhr verkaufen dürften. Inzwischen war es 16:35 Uhr. Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass ich dann eben später kommen würde. Nun gab sie mir ihr iPad und bat mich das Gesagte auf Englisch hineinzuschreiben. So kommunizierten wir längere Zeit auf diese Weise, weil sie mich nicht mehr fortgehen lassen wollte. Als ich wusste, dass ich das Bier auch schon vor 17 Uhr bekommen könne, entschied ich mich zu bleiben. Inzwischen war es 16:55 Uhr und bekam auch gleich ein köstliches Bier. Zehn Minuten später war dann auch die Pizza fertig, die auch ausgezeichnet schmeckte. Nachdem ich mich so gestärkt hatte, ging ich noch in den Supermarkt und kaufte Proviant für morgen ein. Damit hatte ich dann meine letzten Rubel, bis auf einige Münzen auch ausgegeben.

Tagesdaten: 63,13 Km; 04:36:27 Std. Fz.; 13,70 Km/h; 125 Hm

Ein Kommentar

  • Heidrun sagt:

    Wörtlich übersetzt heißt die Aufschrift im vierten Bild „Hain der Erinnerung“. Ich denke im übertragenen Sinne meint man eine Stätte der Erinnerung.

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