Auch im Hotel Milano ist das Frühstück sehr ordentlich und ich kann mir sogar noch meine Thermoskanne mit Tee auffüllen, so dass ich unterwegs auch etwas Warmes zu trinken habe. Das Wetter scheint heute doch schon freundlicher aber es bleibt noch recht kühl. Nach dem Frühstück fahre ich noch einmal nach Hildesheim zur dritten romanischen Kirche St. Godehard. Der frühere Bischof Godehard, wurde 1133, also knapp 100 Jahre nach seinem Tod, heiliggesprochen. Dies war Anlass für den damaligen Bischof Bernhard I. von Hildesheim (+1154) in Hildesheim das Godehardikloster, ein Benediktinerkloster, zu errichten und eine Kirche zu Ehren des Heiligen Godehard bauen zu lassen. Die Baustruktur ist ohne weitere Verfremdungen und Ergänzungen noch romanisch erhalten geblieben. So ist die Kirche auch im 2. Weltkrieg kaum beschädigt worden, weil die Bombenangriffe nicht den Süden von Hildesheim trafen. Im Inneren ist die Kirche ein farbenprächtiges Beispiel des Historismus und der Neoromanik des 19. Jahrhunderts. Es gibt nur wenige Kunstwerke aus romanischer Zeit. Das gilt sowohl für die überlebensgroße Figur des namensgebenden heiligen Godehard aus dem Jahre 1450, als auch für die barocken Chorschranken, die gotische Kreuzigungsgruppe und den spätbarocken Benediktineraltar. Im Hochchor der Basilika ist dann auch der Initiator des Kirchenbaus Bischof Bernhard beigesetzt. Aber auch die Sandsteingrabplatte mit seinem Bronzerelief  auf der er ein Modell der Kirche in der rechten Hand hält, stammt erst aus dem Jahr 1745. Prägend sind dann die Veränderungen des 19. Jahrhunderts. So stammt die Ausmalung des Chors von Michael Welter aus den Jahren 1861-62. Der große Radleuchter in der Vierung ist ein Geschenk der Letzten Königin von Hannover, Marie aus dem Jahre 1864.

Nach der Besichtigung der Kirche mache ich mich auf den Weg nach Bad Gandersheim. die ersten 10 Kilometer fahre ich entlang der aus dem Harz kommenden Innerste, die bei Hildesheim in die Leine mündet. Der Weg führt vorbei an der Marienburg, die ursprünglich als Schutz und Trutzburg des Bischofs von Hildesheim gegen die aufbegehrenden Bürger der Bischofsstadt errichtet wurde. Seit 1993  wird sie jedoch von der Universität Hildesheim als Lehr- und Forschungszentrum „Kulturcampus Domäne Marienburg“ genutzt und ist seit 2014 auch Sitz aller Institute des Fachbereichs Kulturwissenschaften und ästhetische Kommunikation. – Was man heute so alles an den Universitäten studieren kann?!

Bei Heinde geht es dann ab und an der Lamme entlang über Bad Salzdetfurt und über den Höhenzug Heber nach Bad Gandersheim. Obwohl es zunächst bergauf geht, ist es eine sehr angenehme Tour, denn hier über den Heber führt der gut ausgebaute Fahrradweg auf einer alten Bahntrasse entlang. Solche Wege sind für Fahrradfahrer mit die angenehmsten, inbesondere im Gebirge, weil man hier davon ausgehen kann, dass die alten Bahnen auch nicht größere Steigungen als ein Radfahrer bewältigen konnten. Das Wetter bleibt erfreulicherweise stabil. Zwar ziehen ab und an dunkle Wolken auf. Aber es bleibt bei wenigen Tropfen und immer öfter lugt auch die Sonne hervor. Im Übrigen hat seit bereits etwa 10 Tagen in der Vegetation der Frühling begonnen. So hat sich seitdem ein grüner Hauch über die Landschaft gelegt, die Forsythien fangen an zu blühen und auch zahlreiche Büsche und Bäume lassen weiße Blüten erkennen. Es ist übrigens ein Frühlingserwachen, dass ich in den letzten Jahren immer erst Ende März Anfang April registriert habe und das damit in diesem Jahr wohl zwei bis drei Wochen früher begonnen hat.

In Gandersheim steht die Stiftskirche St. Anastasius und St. Innocentius auf meinem Programm. Es wird gerade viel gebaut und restauriert in Bad Gandersheim. Das historische Rathaus ist mit Planen verdeckt. Die Gründung eines Kanonissenstifts und der Bau einer ersten Kirche geht schon auf das 9. Jahrhundert zurück. Aeda, die Schwiegermutter des Grafen und späteren Herzogs Liudolf empfahl nach einer Vision die Gründung des Stifts. Auf Empfehlung König Ludwigs des Deutschen reiste das Grafenpaar Liudolf und Oda nach Rom, um persönlich die Billigung der Gründung eines Damenstifts vom Papst zu erbitten und Reliquien der heiliggesprochenen Päpste Anastasius I. und Inncentius I. in Empfang zu nehmen. 852 trat das erste Stiftskapitel zusammen und die erst zwölfjährige Tochter Liudolfs, Hathumod, wurde als Äbtissin eingeführt. 956 wurde mit dem Bau der ersten Kirche begonnen, deren Grundriss beim Bau der späteren Kirche nur wenig verändert wurde. Nachdem die erste Kirche mehrfach gebrannt hatte, wurde nach dem letzten Brand 1162 eine neue, die heutige Kirche errichtet und 1172 geweiht. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde sie durch gotische Seitenkapellen erweitert. Nach der Reformation wird die Stiftskirche evangelische Gemeindekirche. Anfang des 18. Jahrhunderts fand eine barocke Umgestaltung der Kirche und die Entfernung des Lettners statt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kirche dann in Anlehnung an die Romanik restauriert. Die Renovierung 1992 bis 1997 wurde in Anlehnung an die Renovierung des 19. Jahrhunderts vorgenommen. Es entstanden aber auch mit der Engelstür und dem Taufbecken sowie den Fenstern moderne Kunstwerke des Ehepaars Ursula und Claus Wallner aus den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Orgel stammt aus dem Jahr 2000. Aus der Romanik sind lediglich noch die Figur des Stiftsgründers Luidolf aus dem Ende des 13 Jahrhunderts, ein Glasfenster, einige Apostelfiguren über den Bögen der Kapellen und ein Steinrelief der Hand Gottes erhalten geblieben. Kurioseste Sehenswürdigkeit ist sicher das bühnenartig geschnitzte „mecklenburgische Grabdenkmal“ („Memento mori), errichtet von zwei mecklenburgischen Prinzessinnen, die hier Äbtissinnen waren, im Gedanken an ihren Tod.

Nachdem ich etwa eine Stunde die Kirche besichtigt hab musste ich mich nun auf die letzten 39 Kilometer nach Goslar machen. Von Bad Gandersheim aus  an ging es nur noch bergauf in den Harz hinein. Allerdings erleichtert mein neues Ritzel mit 30 statt bisher 26 Zähnen die Bergfahrten doch erheblich. Bis 10 Prozent Steigung kann ich nun relativ unproblematisch auch mit Gepäck fahren. Mein heutiges Quartier ist das Gästehaus Engelcke, wo ich wieder für 35 € mit Frühstück ein Zimmer bekommen habe. Es ist eine alte Villa, die auch in einem Villenviertel von Goslar aber unweit der Altstadt liegt. Betrieben wird das Gästehaus von einem Herren so etwa meines Alters und seiner Mutter (!). Auch wenn die Begrüßung etwas kurios ist, weil die Mutter mich dann immer fragt, ob ihr Sohn mir denn schon das und das erklärt habe, bin ich doch sehr zufrieden. Ich bin der einzige Gast im Haus und habe eine Art Einliegerappartement für mich. Auch das WLAN funktioniert problemlos, was will ich also mehr. Heute bekomme ich auch bei einem Griechen ein leckeres Abendessen, was ich mir natürlich nach der gestrigen Pleite besonders gut schmecken lasse.

Tagesdaten: 84 Km; 06:45:39 Std. Fz.; 12,42 Km/h; 708 Hm

 

2 Kommentare

  • Heidemarie sagt:

    Lieber Wolfgang,
    ergänzend zu Deinem Besuch in Bad Gandersheim drängt es mich natürlich, dich auf die literarische Bedeutung des Ortes hinzuweisen. Im Stift Gandersheim nämlich lebte als Kanonisse die erste deutsche Dichterin Hrotsvit (heute würden wir sagen Roswitha) von Gandersheim. Sie ist um 935 geboren und nach 973 gestorben und passt also in die Zeit, mit der du dich auf deiner Reise beschäftigst. Zwar schrieb sie lateinisch, denn sie war eine an antiken Autoren gebildete Frau und Latein war nun mal damals die Bildungssprache, aber sie war die erste uns bekannte weibliche Zunge, die sich in Deutschland literarisch äußerte.
    Hrosvit, offenbar ein Fan von Kaiser Otto I. verfasste in lateinischen Hexametern die „Gesta Ottonis“, die Geschichte der Familie Ottos des Großen und seiner Taten und auch eine Geschichte des Stifts Gandersheim, schwergewichtige historische Werke also.
    Darüber hinaus gibt es von ihr ein Legendenbuch mit acht Heiligenlegenden ebenfalls in Hexametern und ein Dramenbuch, in dem sie sich an dem griechischen Komödiendichter Terenz abarbeitet, dessen Formensprache sie sich bedient, aber, wie es sich für ein Stiftsfräulein gehört, keine lockeren Liebesgeschichten erzählt, sondern zweifellos pädagogischem Impuls folgend fromme und keusche Jungfrauen besingt.
    Ob sie aus einem sächsischen Adelsgeschlecht stammte, ist nicht belegt und jedenfalls ist sie nicht Äbtissin gewesen, das war eine Namensschwester, die 923 bis 933 dem Stift Gandersheim vorstand.
    Da man über ihr Leben nicht viel weiß, eignet sie sich ausgezeichnet zur Vereinnahmung durch alle möglichen politischen und gesellschaftlichen Strömungen und zur Umdeutung je nach Bedarf.
    Entdeckt wurde ihr Werk im 15. Jhdt. von dem Humanisten Conrad Celtis, der die Dichterin zur nationalen Literaturikone stilisierte. Gar so umfassend humanistisch gebildet, wie Celtis behauptete, ist sie wohl nicht gewesen.
    Das 19. Jhdt. konnte mit einer so gebildeten mittelalterlichen Frau wenig anfangen und erklärte sie kurzerhand zur Fälschung, was der Historiker Georg Waitz allerdings bald widerlegte.
    Die Frauenbewegung, wen wundert’s stilisierte sie zur ersten emanzipierten Frau, die sich für die Gleichstellung der Frauen eingesetzt habe. Da dies aber bei einer Frau im 10. Jhdt. kaum denkbar ist, vermutete man, dass Hrotsvit eine Erfindung der Nürnberger Äbtissin Caritas Pirckheimer (1467-1532) sei, „die in Hrotsvit einen Beweis für die von Gott gegebene gleiche Begabung von Mann und Frau“ sah „und ihre Motivation zu schreiben auch nicht in humanistischer Selbstbetrachtung und Vaterlandsliebe, sondern darin sah, ihre Frauengemeinschaft zu unterrichten und zu erziehen.“
    Die Nazis konnten übrigens nichts mit ihr anfangen, weder die religiösen Themen, noch der Umstand, dass sie lateinisch schrieb, noch ihr Interesse an Frauenbildung passte in deren Weltbild.
    Ganz anders freilich Bad Gandersheim! Die Stadt ehrte die Dichterin auf vielfältige Weise. Ihrem Andenken dienen seit 1959 die Domfestspiele, der Roswitha-Preis für Schriftstellerinnen und der Roswitha-Ring für die beste Künstlerin des jeweiligen Domfestspiels.
    Soviel also zu Roswitha!
    Herzliche Grüße
    Heidemarie

  • Wolfgang Kohl sagt:

    Liebe Heidemarie,
    vielen Dank für die Ergänzung. Mir ist Roswitha nicht entgangen. Ich habe sogar ein Foto von ihr zuammen wohl mit Otto I. Sie zieren als Skulpturenduett eine Brunnen in Gandersheim, der 1978 von dem damaligen Bundespräsidenten Walkter Scheel eingeweiht wurde. Ich hätte natürlich nicht so präzise darüber berichten können wie Du und deshalb fand sie keine Erwähnung. Mit Deinem Beitrag hast Du aber nun meinen Bericht über Bad Gandersheim aufgewertet. Vielen Dank dafür
    und herzliche Grüße
    Wolfgang

    PS. Ich werde die beiden Fotos dazu noch in meine Bildfolge aufnehmen.

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