10.08.2017 Tangermünde – Jerichow – Zerben -Tangermünde – 82,70 km; 169 Hm; 13,55 km/h

Heute also ein Aufbruch mit Rückkehr nach Tangermünde. Das Frühstück hier im Exempel Hotel war ausgezeichnet und auch das Wetter verspricht wieder einmal durchzuhalten. Es bleibt zwar bewölkt. Die Sonne der letzten Tage hat sich zurückgezogen. Es wird auch etwas kühler. Aber es bleibt trocken. Das drohende Regengebiet hat sich vor der Altmark sozusagen zerstreut. Ich bekomme heute gerade ein paar Tropfen ab, die sich hier in die Altmark verirrt haben.

Ich habe mir eine Route selbst zusammengestellt, die die wesentlichen Sehenswürdigkeiten des Altmarkkurses hier abdeckt. Da sind noch einmal einige Kirchen, insbesondere die in Wust und Großwulkow, da ist das Kloster Jerichow und da ist Schloss Zerben. Zunächst geht es über die langezogene, mehrere Kilometer lange Brücke auf dem Radweg entlang der B 188 Richtung Osten in den sogenannten Elbe-Havel-Winkel. Mein erstes Ziel ist Wust, ein kleiner Ort etwa 10 Kilometer von der Elbe entfernt. Hier lebte das Adelsgeschlecht derer von Katte, das sich insbesondere als preußische Offiziere einen Namen machte. In einem Anbau zur Kirche von Wust liegen die Gebeine des Adelsgeschlechts. Unter anderem steht hier auch der Sarg Hermann von Kattes, eines Jugendfreundes des Kronprinzen Friedrich, des späteren Friedrich des Großen. Er half Friedrich bei dessen Fluchtversuch vor der väterlichen Strenge Friedrich Wilhelms I., des sogenannten Soldatenkönigs. Von Katte wurde nach dem gescheiterten Fluchtversuch von Friedrich Wilhelm I. wegen Fahnenflucht hingerichtet und der Vater (Friedrich Wilhelm I.) verlangte von seinem Sohn (Friedrich), dass er bei der Hinrichtung seines Freundes zugegen sein musste.

Leider sind auch heute die Kirchen, die ich mir anschauen wollte, geschlossen. Ich fahre noch in Melkow, Briest, Großwulkow und Kleinwulkow vorbei. Offensichtlich kann man es in den meisten Kirchen wirklich nur am Wochenende versuchen. Vielleicht kann ich Heidrun ja mal zu einem Wochenende in der Altmark überreden und meine Begeisterung für diesen Landstrich vermitteln. So fahre ich denn weiter zum Kloster Jerichow, dem angeblich ältesten Backsteinbau in Norddeutschland. Hier war der Ort, wo man angeblich aus Mangel an Feldsteinen auf den Backsteinbau verfiel. Das Ergebnis in Jerichow wie auch an anderen Orten ist wirklich beeindruckend und gewaltig. Kunsthistorisch wesentlich ist, dass hier die im Stil der Spätromanik errichtete Anlage ihre unveränderte Ausprägung erhalten hat. Ich mache auch heute einen Rundgang und kann nur immer wieder sagen, dass mich die Architektur in ihrer Vollendung aber auch die Größe der Anlage immer wieder fasziniert. Gerade die Kirche mit den zwei Türmen, die sicher fast 100 Meter in den Himmel ragen, zeigt aber auch, dass statisch mit Backstein doch anders und dem damaligen Bedürfnis nach Himmelsnähe angemessener gebaut werden konnte als mit Feldsteinen. Stilistisch soll die Kirche von Jerichow auch den einige Jahre später begonnenen Bau des Ratzeburger Doms beeinflusst haben, was sicher auch mit der Berufung Isfrieds, des ursprünglichen Propstes zu Jerichow zum Bischof von Ratzeburg zu tun hatte. Gebaut wurde das alles ohne Kräne und mit durchaus noch rudimentären statischen Kenntnissen und es steht heute immer noch! Ich mache einen Rundgang durch das Kloster und wandle dann noch durch den inzwischen auch sehr schön hergerichteten Klostergarten.

Dann liegt noch das weiteste Stück meiner heutigen Tour vor mir: Dass Schloss Zerben. Ich war schon ein oder zweimal dort. Zu sehen gibt es nicht viel, weil die Russen, aus welchen Gründen auch immer, das Schloss nach 1945 zerstörten und die Bemühungen der Gemeinde Parey und des Kreises Jerichower Land noch nicht so ganz erfolgreich sind, Schloss Zerben für den Tourismus zu erschließen. So ist Schloss Zerben wahrscheinlich nur etwas für diejenigen, die den Hintergrund seiner Bedeutung kennen. Für mich ist es immer wieder eine Reminiszenz an eine bedeutende Frau und so fahre ich zu Besuch zu Elisabeth von Plotho, die allerdings schon 1853 hier geboren wurde. Wer kennt aber Elisabeth von Plotho, obwohl sie auf unvergleichliche Art in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Elisabeth von Plotho ist die Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigen Roman. Es ist ihre Geschichte, die er erzählt, die aber überhaupt nicht so endet wie er es erzählt. Elisabeth von Plotho überlebt das Erscheinen des sich mit ihrem Schicksal beschäftigenden Romans um fast sechzig Jahre, sie überlebte Theodor Fontane um 55 Jahre und sie üpberlebte ihren einstigen Ehemann von Ardenne um 33 Jahre und starb mit 98 Jahren hochbetagt in 1952 in Lindau am Bodensee. Nach dem tragischen Duell ihres Ehemanns mit ihrem Geliebten, dass für den sehr zivilen Geliebten natürlich tödlich ausging, nach der Scheidung von ihrem Ehemann und dem damit verbundenen Verlust ihrer Kinder, die dem Ehemann zugesprochen wurden, führte Elisabeth von Plotho ein völlig neues Leben und es ist fast spannender als der Roman von Fontane. So übte sie fortan einen pflegerischen Beruf als Krankenschwester insbesondere für psychisch Kranke aus, sie bestieg Berge, die vor ihr noch keine Frau bestiegen hatte, sie lernte mit 60 Jahre Skifahren und stieg mit 80 zum ersten Mal auf das Fahrrad. Sie stirbt also nicht an gebrochenem Herzen und an Schuldgefühlen wie bei Theodor Fontane, sondern sie nimmt ihr Leben in die Hand, scheint es zu genießen und mit sich im Reinen zu sein  und wird dabei uralt. Ihr Enkel, angeblich ihr Lieblingsenkel, ist übrigens der Naturwissenschaftler Manfred von Ardenne.

Nach dieser Reminiszenz an Elisabeth von Plotho mache ich mich auf den Heimweg nach Tangermünde. Es sind 25 Kilometer und der Gegenwind wird stärker. Faszinierend sind aber die Blicke in die Elbauen aber auch die Fernblicke auf Jerichow und Tangermünde. Mal sehen ob davon etwas durch die Fotos vermittelt werden kann. Als ich nach Tangermünde zurückkehre bin ich ziemlich geschafft und muss mich erst einmal mit einem guten Abendessen und einheimischen Kuhschwanzbier stärken. Aber es war trotz der verschlossenen Kirchen eine sehr schöne Tour.

 

 

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