2024-05-31 – Berlin – Besuch des Jüdischen Museums

Heute wollte ich noch einmal versuchen, zwei Synagogen und das Jüdische Museum zu besuchen. Beide Synagogen, sowohl die in der Joachimstaler als auch die in der Rykestraße waren aber  geschlossen. Obwohl beide Synagogen in der zweiten Reihe stehen, also von der Straße aus nicht sichtbar sind, erkennt man ihren Standort unschwer an den auf der Straße patrouillierenden Polizeibeamten. In die Synagoge Joachimstaler Straße gelangt man durch einen Eingang eines Wohnhauses mit Zugang zum Hof. Die aschkenasische Synagoge in der Joachimstaler Straße ist zur Zeit in Restauro. Man ließ mich aber dennoch hinein und auf den Hinterhof, so dass ich einen Blick auf das Gebäude werfen durfte. Als aschkenasische Juden bezeichnen sich mittel-, nord- und osteuropäische Juden und ihre Nachfahren. Sie bilden die größte ethno-religiöse Gruppe im heutigen Judentum. 1939 waren 94 % aller Juden aschkenasischer Abstammung, und im 21. Jahrhundert machen sie etwa 70 % aus.

An der Synagoge in der Rykestraße erklärt mir der davor stehende Polizist, dass man nur zu Gottesdiensten die Synagoge besuchen dürfe. Ich darf auch nicht auf den Hof vor der Synagoge. Seit ihrer Wiedereinweihung 1953 ist die Synagoge in der Rykestraße die größte Synagoge Deutschlands. Gegenwärtig bietet der Betraum Platz für 1200 Gemeindemitglieder. Ihre Ausrichtung gilt als liberal-konservativ. Das Gebäude der Synagoge wurde 1903/04 im neo-romanischen Stil errichtet. Vorausgegangen war ein aufwändiges Genehmigungsverfahren.  Noch im Jahr der Einweihung wurde im Vorderhaus die VI. Religionsschule der Jüdischen Gemeinde mit bis zu 500 Schülern eingerichtet. Im Jahr 1926 öffnete der jüdische Schulverein die III. Private Volksschule der jüdischen Gemeinde in dem Gebäude, nachdem sich dort bereits seit 1922 eine Grundschule befunden hatte. Das Vorderhaus scheint noch heute, wenn ich den Polizisten richtig verstanden habe, eine jüdische Bildungseinrichtung zu beherbergen. Dies bekomme ich später dann auch noch durch Wikipedia bestätigt.  Seit 1999 befindet sich in der ehemaligen Grundschule das Lehrhaus der Ronald S. Lauder Foundation, deren Aufgabe die Förderung jüdischen Lebens in Mittel- und Osteuropa ist.

Es erstaunt mich natürlich, dass beide Synagogen keinen durch die Nationalsozialisten zerstörten Eindruck machen. Die Synagoge stand auf dem Hof des zur Straße nur schmalen Grundstückes in einer typischen innerstädtischen Wohnlage in Berlin, was während der Pogromnacht 1938 eine vollständige Zerstörung verhinderte. Nachbargrundstücke sollten durch eine Zerstörung nicht gefährdet werden. Jedoch wurde das Innere der Synagoge geschändet. Offensichtlich haben durch diese Lage in Hinterhöfen einige der Berliner Synagogen ihre Architektur weitgehend unversehrt erhalten, freilich wurden das Innere und damit natürlich für die Juden die wichtigeren religiösen Insignien vom Mob der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verwüstet und geschändet.

 

Besuch des Jüdischen Museums

Leider hat der erfolglose Besuch der beiden Synagogen doch einiges an Zeit gekostet, die mir nun für das Jüdische Museum verloren geht. Da ich heute meinen Besuch in Berlin beenden werde, bleiben mir für das Museum nur knapp zwei Stunden, weil gegen 15:30 Uhr mein Zug fährt.

Das Jüdische Museum Berlin (JMB) in Kreuzberg ist das größte jüdische Museum Europas. Es wurde im September 2001 als Stiftung öffentlichen Rechts eröffnet. Mit seinen Ausstellungen und weiteren Angeboten vermittelt es die Geschichte der Juden in Deutschland und jüdische Kultur bis zur Gegenwart. Das Museum besteht heute aus einem Ensemble von drei Gebäuden. In der Lindenstraße stehen das barocke Kollegienhaus sowie ein zickzackförmiger Neubau des Architekten Daniel Libeskind. Auf der gegenüberliegenden Seite der Lindenstraße befindet sich seit 2012 die „W. Michael Blumenthal Akademie“ in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle. In der Akademie befinden sich das Archiv, die Bibliothek, die Museumspädagogik sowie ANOHA, die 2021 eröffnete „Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin“. Das Museum zählt zu den meistbesuchten Museen Deutschlands. Ab der Eröffnung 2001 bis 2015 kamen 10 Millionen Besucher. Täglich sind es rund 2000 Besucher, jährlich etwa 700.000. Seit 2021 ist der Eintritt in die Dauerausstellung kostenlos. Die Dauerausstellung Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland wurde 2020 geöffnet. Sie vermittelt einen Überblick über 1700 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte, Kultur und Gegenwart in Deutschland.

Die Gebäude des Jüdischen Museums

Das Kollegienhaus wurde 1735 gebaut und beherbergte früher das preußische Kammergericht. Als dieses 1913 in den Neubau am Kleistpark verlegt wurde, brachte man hier das Berliner Konsistorium unter. Im Zweiten Weltkrieg wurde es bis auf die Außenmauern zerstört. Erst 1963 bis 1969 erfolgte der Wiederaufbau. Bevor das Jüdische Museum das Haus bezog, war es bis 1993 Sitz des stadtgeschichtlichen Berlin Museums. Heute sind im Altbau der Eingangsbereich mit Sicherheitskontrolle, Kasse, Information, Garderobe, Museumsshop und Restaurant sowie Sonderausstellungsräume, ein Auditorium und Büros untergebracht.

Die Architektur des zickzackförmigen Neubaus (Libeskind-Bau), dessen Eröffnung am 23. Januar 1999 erfolgte, zeichnet sich durch eine Titan-Zink-Fassade, ungewöhnlich geformte Fenster, viele spitze Winkel in den Wänden, geneigte Böden und grauen Sichtbeton aus. Durch den Eingangsbereich im Altbau gelangen Besucher über eine schwarze Schiefertreppe ins Untergeschoss des Neubaus und von dort aus zur Hauptausstellung des Museums sowie kleineren temporären Ausstellungen.

Nach dem Betreten des Neubaus trifft man zunächst auf drei sich kreuzende schiefe „Achsen“: die „Achse der Kontinuität“, die an einer hohen, zur Dauerausstellung führenden Treppe endet, die „Achse des Exils“ und die „Achse des Holocaust“. Die „Achse des Exils“ führt aus dem Gebäude hinaus in den „Garten des Exils“, eine tiefer liegende quadratische Fläche, deren begrenzende Betonmauern die Sicht in die Umgebung verhindern. Dort stehen 49 sechs Meter hohe Betonstelen auf einem schiefen Grund, auf denen Ölweiden gepflanzt sind, da Ölbäume, die in der jüdischen Tradition Frieden und Hoffnung symbolisieren, das Klima nicht vertragen würden. Die Zahl 49 nimmt Bezug auf das Gründungsjahr des Staates Israel, 1948, während die 49. Stele in der Mitte für Berlin steht. 48 Stelen sind mit Erde aus Berlin gefüllt, die 49. Stele in der Mitte enthält Erde aus Jerusalem. Des Weiteren ist die Zahl Sieben im Judentum (7 × 7 = 49) eine heilige Zahl.

Man soll im Garten die Erfahrung des Exils hautnah erfahren. Der Besucher fühlt sich erst fremd, dann ist der Gang durch den Garten geprägt von Unsicherheit, denn aufgrund des schiefen Bodens gerät man leicht ins Taumeln und die Betonsäulen beschränken die Sicht. Im Frühsommer, während der Blütezeit der Ölweiden, wirkt der Garten aufgrund des starken unbekannten Duftes noch fremder. Die Ähnlichkeit des „Gartens des Exils“ mit dem Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas war 1999 Anlass für Plagiatsvorwürfe von Libeskind gegen dessen Architekten Peter Eisenman; der Streit konnte beigelegt werden.

Die „Achse des Holocaust“ endet am „Holocaust-Turm“. Dies ist ein dunkler, kalter, hoher Gedenkraum, in den nur durch eine Spalte in der Decke Tageslicht eindringt. Auf die meisten Menschen wirkt dieser Raum beklemmend und unfassbar. Der Raum hat jedoch nur symbolische Bedeutung und ist nicht etwa der Nachbau einer Gaskammer, wie viele Besucher denken. In etwa zweieinhalb Metern Höhe gibt es eine für Wartungsarbeiten angebrachte Leiter im Turm, die bis zur Decke führt. Nach Meinung mancher Besucher dient diese als Rettungsweg oder als Symbol für das Unerreichbare.

Im Museumsneubau gibt es mehrere sogenannte „Voids“, die sich auf einer geraden Linie angeordnet durch den Zickzackbau ziehen. Sie sind gänzlich leere Räume, die sich vom Keller bis zum obersten Geschoss erstrecken. Sie sind mit einer Ausnahme von der Dauerausstellung aus nicht begehbar, von manchen Stellen aus aber einsehbar. Sie sollen an die Leerstellen erinnern, die der Holocaust, aber auch die Vertreibungen und Pogrome, denen Juden in den Jahrhunderten zuvor in Deutschland zum Opfer fielen, hinterlassen haben.

Daniel Libeskind entwarf auch den zweiten Erweiterungsbau in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle von Bruno Grimmek auf der Westseite der Lindenstraße. Die Umbaukosten von knapp zwölf Millionen Euro trug mehrheitlich der Bund. Die feierliche Eröffnung und damalige Benennung in Eric F. Ross Bau nach dem Mäzen Eric F. Ross fand am 17. November 2012 statt. Die Akademie beherbergt einen Veranstaltungssaal, das Archiv, die Bibliothek sowie Räumlichkeiten für diverse Bildungsangebote und wissenschaftliche Mitarbeiter.

Mit der Eröffnung der Akademie 2012 wurde das Spektrum der bisherigen Museumsaktivitäten um die Akademieprogramme erweitert. Ausgehend von der Aufgabe des Museums, sich der jüdischen Geschichte und Kultur in Deutschland zu widmen, geben die Akademieprogramme auch den Perspektiven anderer religiöser und ethnischer Minderheiten Raum. Bereits dem Gründungsdirektor W. Michael Blumenthal, nach dem das Akademiegebäude jetzt benannt ist, war es ein Anliegen, das Jüdische Museum Berlin als Haus zu profilieren, das nicht nur die Aufgabe hat, historische, religiöse und gesellschaftliche Themen in Ausstellungen zu präsentieren, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aus einer jüdischen Perspektive heraus aufmerksam zu verfolgen und zu diskutieren.

An dieser Stelle sei noch auf die interessante Persönlichkeit des Gründungsdirektors des Jüdischen Museums eingegangen, der auch ein wesentlicher Initiator eines selbständigen jüdischen Museums war. Werner Michael Blumenthal (* 3. Januar 1926 in Oranienburg) ist ein US-amerikanischer Politiker und Manager deutsch-jüdischer Herkunft. Er war von 1977 bis 1979 US-Finanzminister der Carter-Regierung und von 1997 bis 2014 Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Blumenthals Vater, der Textilkaufmann Ewald Blumenthal, wurde im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Im Laufe der Novemberpogrome 1938 wurde er für mehrere Monate im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Zunächst besuchte Werner Michael Blumenthal die Private Jüdische Waldschule Kaliski in Berlin-Dahlem. Seine Familie flüchtete mit ihm im Frühjahr 1939 aus Deutschland nach Shanghai, wo die Familie im Shanghaier Ghetto überlebte, und emigrierte dann 1947 in die USA. Er lernte Chinesisch, Englisch, Französisch und Spanisch. Im Jahr 1952 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und schloss seine Promotion als Ökonom ab. Von 1977 bis 1979 amtierte er als Finanzminister im Kabinett von US-Präsident Jimmy Carter. Zwischen seinen politischen Ämtern war er in verschiedenen Wirtschaftsunternehmen tätig.

1997 wurde er als Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin berufen. Es gelang ihm, das Museum zum größten jüdischen Museum Europas auszubauen. Im Juni 2014 gab er bekannt, sein Amt auf eigenen Wunsch zum 1. September 2014 niederzulegen.

Soweit zunächst zu den Gebäuden des Museums und seinem Gründungsdirektor.

Die Ausstellungen

Zur Zeit gibt es im Museum eine Sonderausstellung unter dem zweideutigen Titel „Sex. Jüdische Positionen“. Hier nur einige Impressionen.

Die Dauerausstellung – Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland 

Die neue Dauerausstellung wurde am 23. August 2020 eröffnet. Sie erzählt auf mehr als 3500 Quadratmetern aus jüdischer Perspektive die Geschichte der Juden in Deutschland von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf historische Kapitel, die von den Anfängen jüdischen Lebens in Aschkenas über die Emanzipationsbewegung der Aufklärung und deren Scheitern bis in die Gegenwart reichen. Der Nationalsozialismus und das Kapitel „Nach 1945“ nehmen dabei den größten Raum ein. Hier stehen Themen wie Restitution und Wiedergutmachung, das Verhältnis zu Israel und die russischsprachige Einwanderung ab 1990 im Mittelpunkt. Die Videoinstallation Mesubin („Die Versammelten“) macht als „Schlusschor“ die Vielstimmigkeit gegenwärtigen jüdischen Lebens sichtbar.

Acht Themenräume beschäftigen sich mit religiösen Aspekten des Judentums und seiner gelebten Praxis, mit den Familiensammlungen des Museums sowie mit Kunst und Musik. „Was ist im Judentum heilig?“ „Wie feiert man Schabbat?“ „Welchen Klang hat das Judentum?“ Neben Original-Objekten präsentiert die Ausstellung eine große Vielfalt an audio-visuellen Medien, Virtual Reality, an Kunst und interaktiven Spielen.

Ich kann nicht sagen, dass es mir auch nur in Ansätzen gelungen ist, die Dauerausstellung angemessen zu erfassen. Ich habe es nicht einmal geschafft, sie insgesamt zu durchlaufen. Man muss sich dafür mehr Zeit nehmen. Hier daher nur einige ganz wenige Impressionen:

 

Das war´s von dieser Woche in Berlin. So bleibt von meinem Berlinbesuch zuletzt die Gewissheit, noch einmal wiederzukommen.

Ein Kommentar

  • Steffi sagt:

    Lieber Wolfgang, danke für deine Berlin-Infos. Da werde ich wohl auch bald wieder mal nach Berlin reisen müssen.
    Ich kenne diese Stadt ja auch nur sehr oberflächlich – Fernsehturm, Bahnhof, Reichstag, Brandenburger Tor, Friedrichstadtpalast….. Gerade merke ich, es kommen doch einige Highlights zusammen.
    Viele Grüße Steffi

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